• Claudia Bruckschwaiger

Der UX / UI-Designer mit Programmierkenntnissen

Aktualisiert: 12. Mai

Warum ein Hausbau nie mit den Möbeln fürs Wohnzimmer beginnt!


 Foto von Brett Sayles von Pexels - rotes Sofa in idyllischer Hügellandschaft
Foto von Brett Sayles von Pexels

Customer Experience oder wenn wir es richtig machen wollen User Experience wird in den letzten Jahren immer wichtiger. Man könnte von Buzzwords sprechen, wenn nicht die Big Player gezeigt hätten, dass es den großen Unterschied macht und die Anwender:innen Fehler kaum noch verzeihen. Nun sprießen die Stellenausschreibungen für UX/UI-Designer wie die Pilze aus dem Boden. Am besten sollten Bewerber zudem Programmier- oder zumindest CSS-Kenntnisse vorweisen, Testen und User Research übernehmen können. Nun, durchaus ein legitimer Wunsch. Man hat ja dafür kein Geld und immerhin gibt es auch so genannte Full-Stack Entwickler. Also Programmierer die auch alles können - theoretisch. Zudem wissen viele eigentlich gar nicht, was der oder die UX/UI-Designer:in dann genau macht – „hübsch halt, oder so“. Natürlich kann man sich die Eierlegendewollmilchsau wünschen und es gibt auch immer wieder Menschen, die sich auf solche Stellen bewerben. Manche sind auch überzeugt davon, dass sie es können. Doch soll die Arbeit wirklich gut gemacht werden, klappt das nicht oder nur in ganz speziellen Fällen.


Sehen wir uns zunächst einmal die Grundlagen dieser Professionen genauer an. Ja genau, es ist nicht eine, sondern es sind mehrere. Neben UX und UI gibt es noch User Research, Interaktionsdesign, UX Engineering, UX Writing und viele mehr. Alle vereint unter dem Gesamtbegriff Human-centered Design – aber dennoch unterschiedliche Berufsbilder mit verschiedenen Ausbildungen.



Arbeitsteilung, ein Prinzip mit vielen Vorteilen

Um die Begriffe etwas verständlicher zu machen, hier ein kleines Beispiel. Stellen sie sich vor, sie wollen ein Haus bauen. Sie haben grundlegende Ideen, wie dieses Haus aussehen könnte und beauftragen für die Konzeption eine Architektin. Diese Architektin nimmt die unterschiedlichen Anforderungen der Stakeholder, also ihnen und ihrer Familie, auf und gemeinsam mit den Gegebenheiten des Grundstückes, den Bauvorschriften sowie Auflagen entwickelt sie ein Konzept für ihr Traumhaus.


Der Statiker überprüft den Bauplan und das Haus wird nun von Maurern und Zimmerleuten gebaut. Immer unter Anleitung und auf Basis der Pläne der Architektin.


Ist das Haus nun fertig gebaut, geht es an die Einrichtung. Nachdem sie gerne schön wohnen aber nicht die Zeit haben und ihnen zudem nicht das beste Händchen nachgesagt wird, engagieren sie einen Innenarchitekten oder Interior Designer. Dieser Designer streicht nicht nur die Wände und macht das Haus hübsch oder bunt. Er verbindet viel mehr die Anforderungen aus dem Bau- und Leitungsplan der Architektin mit einem perfekten Look and Feel für ihr Wohlbefinden. Farben, Formen, Bequemlichkeit in Wohn- und Schlafzimmer sowie Effizienz in Bad und Küche sind nur die wichtigsten Grundlagen.



Darf ich vorstellen – UX-Architekt:innen

Analog zu diesem Beispiel kann man nun sagen, für Produkte, Services oder Systeme kommt die Rolle der Architektin der UX-Designerin zu, weshalb sich unter Professionals auch er Begriff des UX-Architect etabliert hat. Die Aufgabe einer UX-Architektin ist es die Informationen aus dem User Research (Psychologie, Soziologie und Statistik) zu konsolidieren die Bedürfnisse und Probleme von Nutzenden zu identifizieren und zu lösen. Der Fokus liegt auf der Entwicklung von nutzerzentrierten Produkteigenschaften, Anwendungsprozessen und -strukturen. Ausgehend von den Ergebnissen von Umfragen und Interviews entwickelt die UX-Architektin Service- und Produktkonzepte, bis hin zu grundlegenden Prototypen. Sie verbindet alle relevanten Anforderungen der Stakeholder, der Technologie, der Psychologie und des Marktes zu einem Produkt, das Nutzende brauchen, mit ihren Kenntnissen bedienen können und wollen. Die Spezialisten aus dem Bereich Evaluation unterstützen dabei beim Usability- oder UX-Testing, um die Lösung auf valide Daten zu stützen und nicht aus dem Bauch heraus Entscheidungen treffen zu müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Look & Feel der Marke, die Wiedererkennung oder der Styleguide des Unternehmens größtenteils irrelevant. Dennoch wird – wie z.B. ein Development-Team – auch der UI-Designer in die Erstellung der Prototypen bereits eingebunden, denn er hat aufgrund seiner Hauptkompetenz und Ausbildung einen anderen Blick auf das Produkt.



Dokumente die ein UX-Architekt erstellen und liefern muss - swohlwahr
swohlwahr - Deliverables eines UX-Architekten

Darf ich vorstellen – UI-Designer:innen

Neben starken visuell-gestalterischen Kenntnissen, muss der UI-Designer, die sich ständig ändernden Trends des Mediums für das er konzipiert, als auch die Anforderungen für eine finale Umsetzung genauestens kennen. Nicht nur Bildsprache, Ausdruck und Lesbarkeit der Typografie oder die Ästhetik und Psychologie der Farben sind sein Handwerkszeug, sondern auch das Führen durch und Priorisieren von Inhalten, um Nutzenden immer das Gefühl von Kontrolle zu geben. Im Gegensatz zum Print-Grafiker müssen UI-Designer wesentlich dynamischere Anwendungsfälle und gewohnte Interaktionsverhalten berücksichtigen. Zum Beispiel muss ein Call-to-Action richtig positioniert sein und das Auge darf nicht von weniger relevanten Informationen abgelenkt werden, denn im schlimmsten Fall findet ein Nutzer die Information nicht, obwohl sie vorhanden ist. Ein UI-Designer übernimmt nicht einfach nur die Grundinformationen des Styleguides eines Unternehmens, wenn es überhaupt einen solchen gibt. In vielen Fällen müssen Styleguides durch neue interaktive Elemente und Farben erweitert oder komplett neue Designsysteme entwickelt werden. Um aber eine konsistente Außenwirkung und Wiedererkennung zu gewährleisten, ist es unabdingbar diese von dem bestehenden Corporate Design abzuleiten. Der UI-Designer gestaltet ästhetisch ansprechende und hoch effiziente Produkte, die durch ihre Interaktivität besondere Ansprüche haben.



Dokumente die ein Interface Designer erstellen und liefern muss. - swohlwahr
swohlwahr - Deliverables eines UI-Designers

Müssen sich Nutzende für eine Anwendung entscheiden, werden sie meist vorrangig die visuell Ansprechendste wählen. Ist eine Anwendung jedoch „nur schön“, der Nutzer kann seine Aufgabe aber nicht effizient oder ausreichend erfüllen, wird er sie schneller als gedacht wieder deinstallieren. Und die Erfüllung dieser Anforderung muss die UX-Architektin gemeinsam mit dem Development-Team gewährleisten.



Aber wenn man es doch kann – trotzdem keine gute Idee

Warum diese Aufgaben nicht von ein und derselben Person ausgeführt werden sollten


Eine solide und umfassende Ausbildung sowohl zum UX-Architekt, als auch zum UI-Designer dauert Jahre und gestaltet sich aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen völlig unterschiedlich. Es gibt zwar Menschen, die sich sehr lange mit beiden Themen beschäftigen und somit einen soliden Hintergrund in beiden Disziplinen besitzen, das sind jedoch nicht viele und meist teure Seniors. Aber auch, wenn diese Menschen den Hintergrund mitbringen, muss man weiterhin viel Zeit und Energie aufwenden, um überall Up-to-Date zu bleiben. Und meist überwiegt dabei das Interesse an einer der beiden Professionen, wodurch die andere zwangsläufig weniger Gewicht bekommt.


Und nehmen wir dennoch an, dass eine Person beide Berufsbilder hervorragend abdecken kann, dann hat sie innerhalb eines Projektes immer noch zwei völlig unterschiedliche Hüte auf. Nachdem die Auseinandersetzung mit der anderen Profession auch ein Korrektiv auf hohem Niveau ist, müsste die Person immer mit sich selbst streiten. Denn ein Phänomen, das man häufiger beobachten kann, ist im Besonderen seit es Software wie Figma, Adobe XD und ähnliches gibt, dass die Konzeption von Wireframes direkt durch UI-Designer parallel zur Entwicklung des Screen Design umgesetzt wird. Auch das birgt die große Gefahr, dass der Look & Feel prioritär behandelt wird und die prozessuale Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen in den Hintergrund tritt. Die Umsetzung wird somit nicht – wie viele erwarten würden – verkürzt, sondern verlängert, vor allem wenn es um neue Interaktionskonzepte geht. Der Fokus liegt dann am richtigen Bild, der Farbgebung oder der genauen Position des Textes, obwohl ein völlig anderes Interaktionskonzept für die Aufgabe angemessener wäre. So kann es passieren, dass entweder die ideale Lösung nie erreicht oder alles im Detail ausgearbeitet und dann immer wieder verworfen wird. Denn nur durch iterative Verbesserungen wird das Produkt hervorragend.


Ein weiterer Grund für die Trennung von UX und UI ist, dass sobald die Arbeit der UX-Architekten abgeschlossen ist, das Development mit der Umsetzung der Hintergrundarbeiten beginnen kann, während die UI-Designer noch am Frontend arbeiten. Eine richtig verzahnte, interdisziplinäre Zusammenarbeiten ist das Effizienteste, das die höchste Qualität liefert. Ergeben sich nämlich bei der iterativen Umsetzung z.B. im agilen Umfeld Änderungen, muss der UX-Architekt diese Informationen aufnehmen, bewerten und ggf. das Konzept anpassen, mit Usability Testern evaluieren etc., während der UI-Designer immer noch das Designsystem und die detaillierte Reinzeichnung umsetzt bzw. dokumentiert.


Auch wenn es im ersten Moment so scheint, als wäre es billiger und schneller einen UX/UI-Designer mit Zusatzqualifikationen einzustellen, bekommt man ein langsameres und ineffizienteres Arbeiten, das weniger Qualität bietet. Und das ist auf Dauer teurer.


Die Unterschiede von UX und UI Designern im Überblick

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